Über Trauer, Trost und Fotografie

Und was dir in schweren Momenten helfen kann.

Zuerst einmal:

Wie geht es dir gerade, jetzt in diesem Moment?

Wenn du auf diesen Blogbeitrag gestoßen bist, kann ich mir vorstellen, dass dich das Thema Trauer in irgendeiner Weise derzeit berührt.

Die Frage „Wie geht es dir?“ ist, auch wenn du sie mir gerade nicht persönlich beantworten kannst, eine liebevolle Frage.

In Zeiten, in denen wir trauern – um einen lieben Menschen, um einen Verlust, um eine Freundschaft oder eine vergangene Liebe ist es eine Frage, die signalisiert: “ich interessiere mich, du bist mir wichtig, wo stehst du gerade?”

Vielleicht fällt es schwer Worte für die Antwort zu finden. Das ist nicht schlimm. Allein die Frage an sich, auch unbeantwortet, ist schon Wohltat. Allein ihre Präsenz tut schon gut.

Mit der Kamera durch die Trauer

Ich habe vor knapp drei Wochen die liebste Schwiegermutter der Welt verloren. Sie starb sehr plötzlich und sehr weit weg. Es war ein Schock, auch wenn der Tod zum Leben gehört und die Gründe hier und da für ein Lebensende erklärbar sind.

Das ändert nichts an dem Gefühl, an der Ohnmacht, an der Traurigkeit die damit verbunden sind. Es ändert nichts daran, dass der Tod eine Reihe von Fragen aufwirft: haben wir uns genug getroffen, habe ich ihr genug gezeigt, wie sehr ich sie schätze, wie froh ich bin, dass genau sie meine Schwiegermutter war.

Vieles passiert nach dem Sterben, vor allem mit den „Über“lebenden.

In der Woche nach ihrem Tod war ich allein – mein Mann bei ihrer Beerdigung in Brasilien, unser Kind bei seiner Oma hier in Deutschland und ich blieb arbeitend zu Hause.

Es fühlte sich an, als wandele ich durch ein bekanntes und gleichzeitig unbekanntes Paralleluniversum.

Am Tag ihrer Beerdigung fühlte ich, dass ich sie in irgendeiner Form auch begleiten möchte, mich verabschieden und sie irgendwie würdigen möchte.

Erst kam mir der Gedanke, an den nahegelegenen See und Wald zu gehen. Das war der Ort, an dem ich den ersten Todestag meines Vaters verbrachte, denn er liebte den Wald. 

Doch irgendwie passte das nicht so richtig zu ihr.

Fotografie als Trost – warum Bilder heilen können

Ich erinnerte mich daran, wie sehr sie das kleine Shopping Center liebte, dass es unweit von uns gibt. Wenn sie uns besuchte, dann lief sie gern allein dorthin und stöberte im Supermarkt und im Billigladen voller Vergnügen. Sie kannte den Weg dorthin, fühlte sich sicher, trotz ihrer Sprachbarriere und kam mit einem großen Lächeln von ihrem kleinen Ausflug zurück.

Da hatte ich meine Antwort.

Und so lief ich diese Runde, während in Brasilien die Trauerfeier stattfand und fotografierte, hier und da unter Tränen, was mich an sie erinnerte und berührte.

Es war ein heilsamer Fotowalk und am Ende fühlte ich mich etwas leichter und ruhiger. Das war mein ganz eigenes Ritual, um mich von ihr in Liebe zu verabschieden.

Fotografie hat auf mich diese Wirkung. Auch am ersten Todestag meines Vaters lief ich mit meiner Kamera durch die Natur – saß am See und dachte an ihn, lief durch den Wald und verlor mich in der Ruhe und im fotografieren. Das war Balsam für meine Seele und er liebte den Wald.

Vielleicht fragst du dich jetzt, ob das nicht ein bisschen „selbstverletzend“ ist, sich so tief in die Welt der verstorbenen Person hineinzuversetzen und die damit verbundenen Gefühle hochkommen zu lassen.

Ja, es tut schon weh, doch irgendwie auf eine gute Art und Weise. Und es kommen nicht nur die schmerzhaften Gefühle – es kommen auch die guten. Denn auf dem Weg erinnerst du dich an vieles, an die Momente, die zum Lachen waren. An Momente, die nicht so gut liefen zwischen euch. An alles, was das Leben mit diesem Menschen ausgemacht hat. Während du durch deinen Sucher schaust und wie „automatisch“ Dinge entdeckst, die du in Verbindung bringst.

Bei meiner Schwiegermutter waren es zum Beispiel jede Menge Zigarettenkippen, die ich sah und schmunzelnd fotografierte.  Wer fotografiert schon Zigarettenkippen?

Sie liebte ihre „cigarrinhos“. Ihre kleinen Pausen damit auf unserem Balkon. Sie wusste genau, dass sie nicht gut sind für sie. Und dennoch blieben sie bis zum Schluss ein wichtiger Teil von ihr.

Ihr Name begann mit „A“, sie glaubte an Gott und war der Kirche sehr verbunden, sie erlebte Schnee bei uns voll Stauen, aber es war ihr einfach zu kalt.

All diese kleinen Kuriositäten, diese kleinen Momente kommen wieder mit dem Blick durch den Sucher, einem offenen Herzen, durch das jedes Gefühl fließen darf was kommt.

Ich habe in meinem Leben schon mehrfach Menschen gehen sehen müssen – eine Freundin in jungen Jahren, meinen Vater, meine Großeltern und jetzt meine Schwiegermutter.

Trauer ist sehr individuell, sie ist nie ganz weg, sie verändert sich. Sie braucht ihren Raum und hat für jeden von uns eine andere Form. Das ist völlig in Ordnung so.

Und manchmal fehlen eben einfach die Worte. Dann kann die Kamera dein stiller Begleiter sein, so wie bei mir. Sie fragt nichts, sie erwartet nichts, sie ist einfach da und setzt dein Gefühl in ein Bild um.

Fotografie wirkt tröstend, weil:

  • Du deinen Blick fokussierst – du hältst einen Moment fest und nicht die ganze Trauer auf einmal.

  • Sie macht Schönheit sichtbar, auch in traurigen Zeiten.

  • Sie gibt dir die Kontrolle zurück, denn du wählst, was du siehst.

  • Sie gibt dir ein Trauer Ritual – du gehst los und tust etwas.

  • Sie verbindet es mit der Person – du gehst mit ihr ein Stückchen weiter, auch nach ihrem Tod.

Auch in meiner langjährigen Arbeit als Sozialpädagogin bin ich oft mit dem Thema Tod in Berührung gekommen. Ich arbeitete mit schwer kranken Menschen und ihren Angehörigen.

Gerade jetzt, wo ich das schreibe, sitze ich in unserem kleinen Schrebergarten, Ende Februar und strecke mein Gesicht in die wärmende Sonne. Auch das spendet Trost – ich finde im Garten Ruhe und Frieden, während ich die alten Blätter vom Rasen fege, die ersten Tulpenspitzen beobachte oder den Zitronenschmetterling flattern sehe.

Wunderbare Rituale in traurigen Situationen sind auch:

  • Spazieren, laufen, den Boden unter den Füßen spüren

  • Eine Kerze anzünden, einen Brief schreiben oder einen Blogbeitrag, wie ich gerade.

  • Musik, die die Verstorbene mochte spielen.

  • An Orte gehen, die mit ihr verbunden sind.

Rituale geben Struktur, wenn alles andere zerfällt.”

Vielleicht reichen dir meine Worte bis hierhin schon. Wenn etwas in dir anklingt, probiere es einfach mal aus.

Oder du kommst mit auf meine Fotowalks in Leipzig, in kleiner Gruppe – um es zusammen mit mir und anderen auszuprobieren, das Laufen, Sehen, Fühlen und Fotografieren.

Warum trauern so schwer ist – oder: die Angst der anderen

Es gibt schon viel Geschriebenes zur Trauer und dem Umgang damit. Ich will hier nichts wiederholen, dennoch gern beschreiben, was mir immer wieder aufgefallen ist.

Trauer ist kein leichtes Thema, es betrifft uns alle, aber über Trauer zu sprechen bedeutet auch über den Tod zu sprechen. Und das kann beängstigend sein. Ich habe sehr oft erlebt, dass Menschen sehr unsicher sind, wie sie mit Trauernden „umgehen“ sollen.

  • Oft wissen sie nicht, was sie sagen sollen, schweigen oder wollen „nicht stören“ in der schwierigen Zeit.

  • Sie finden keine Worte und äußern gut gemeinte, aber oft verletzende Plattitüden wie „alles wird gut“, „die Zeit heilt alle Wunden“, “das wird schon wieder”.

  • Sie haben Angst etwas Falsches zu sagen und sagen dann lieber nichts.

  • Trauer in Deutschland ist im Vergleich zu anderen Kulturen eher still, leise und zurückhaltend.

Meiner Erfahrung nach ist es gar nicht so kompliziert, wenn wir einmal die Angst vor der Trauer verlieren. Das Beste, was wir für einen trauernden Menschen tun können ist, “DA” zu sein – ohne Ratschläge, ohne Lösungen, einfach nur da. Zuhören, wenn es gebraucht ist, oder etwas Schönes zu essen vorbeibringen. Eine Karte, ein kleiner Hinweis: ich denke an dich.

Meine Lasagne vom letzten Wochenende ist zu unserer Nachbarin gewandert, die vor kurzem ihren Mann verloren hat. Da braucht es nicht viele Worte, sie hat übers ganze Gesicht gestrahlt.,

Was noch hilft - die wissenschaftliche Seite

Ich finde immer spannend, wenn ich zu meinen eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen wissenschaftliche Bestätigung finde.

1.   Bewegung & Natur reduzieren Trauerstress

Studien zeigen, dass Spaziergänge in der Natur das Stresshormon Cortisol senken und Bewegung Endorphine, unsere körpereigenen „Trostspender“ aktiviert.

Rhythmische Bewegungen wie Gehen und Laufen wirken beruhigend auf das Nervensystem und die Natur gibt uns die Perspektive „die Welt dreht sich weiter, auch wenn meine gerade stillsteht.“

Bewegung in der Natur hilft der Trauer. Nicht weil sie den Schmerz wegnimmt, sondern weil sie dem Körper zeigt: du lebst noch. Du atmest noch. Du gehst weiter.

2.  Soziale Verbindung (auch ohne Worte) ist heilsam

Ich startete mit der Frage: „Wie geht es dir gerade?“ Wie hat sich das für dich angefühlt?

Studien zur „sozialen Unterstützung“ fanden heraus, dass die Präsenz von anderen, auch ohne Gespräch, die Trauerintensität reduziert. Die Nervensysteme beruhigen sich gegenseitig, indem man einfach nur nebeneinander sitzt. Das nennt sich „Co-Regulation“. So gut wie das nebeneinander sitzen, können auch gemeinsame Rituale sein: Essen, Geschichten erzählen, eine Kerze anzünden. Es gibt kein „Standard Trost Ritual“, auch hier ist das eigene Gefühl gefragt: was tut mir und uns gut, was brauche ich gerade?

Wir brauchen in Trauersituationen keine klugen Worte. Wir brauchen Menschen, die einfach da sind, die mit uns schweigen, die mit uns weinen. Wir brauchen Kanäle, wie zum Beispiel die Fotografie, die uns Zugang zu unseren Gefühlen schafft und als Ausdrucksmittel dabei hilft, Gefühle zu verarbeiten.  

Trauer heilt sich nicht „weg“, sie verändert sich.

Mir helfen meine Kamera, Bewegung, Alleinsein, Gemeinschaft und Rituale. Vielleicht geht es dir ähnlich – und du suchst einen Weg, wieder ins Leben zu finden. Mit der Kamera, mit anderen, mit Worten oder ohne. Mein nächster Fotowalk & Talk ist am 29. März – ein Nachmittag, an dem wir gemeinsam mit der Kamera unterwegs sind, Schönheit suchen, Momente und Gefühle einfangen. Und am Ende bei leckerem Essen und einer kleinen Fotobesprechung ins Gespräch kommen, über das was uns bewegt - wenn wir wollen.  Einfach nur da sein, fotografieren und snacken ist auch völlig in Ordnung.

Mehr Infos findest du hier.

Und wenn du jemanden brauchst, der zuhört, ohne zu urteilen – ich bin da. In meinem kreativen Coaching begleite ich Menschen durch Übergänge, Verluste, Neuanfänge.

Eine wunderbare Dokumentation zum Thema „Trost“ habe ich auf ARTE gefunden. Schau‘ sie dir gern an, vielleicht tut sie dir auch gut!

Mit tröstenden und kreativen Grüßen aus Leipzig!

Antje Braga

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